Lespress - Interview  
 
Nichts ist unmöglich
Interview mit Maren Kroymann über ihre Hauptrolle im Spielfilm "Verfolgt"

Zu einer Vor-Nominierung für den Deutschen Filmpreis hat es schon mal gereicht. Maren Kroymann freut sich über die positive Resonanz, die sie für die Rolle der Elsa Seifert in Angelina Maccarones Spielfilm "Verfolgt" bekommt. Denn die wenigsten hätten der Frau, die für ihre Bühnenshows und Comedys bekannt ist, zugetraut, die Rolle einer Bewährungshelferin mit sado-masochistischen Vorlieben zu spielen. Maren Kroymann bedauert es sehr, auf einen Rollentyp festgelegt zu werden.
In der Rolle der Elsa Seifert, die sich auf ein sado-masochistisches Verhältnis mit einem Minderjährigen einlässt, straft sie zudem alle Vorurteile Lügen, die Produzenten und Regisseure hegen. Durch ihr Coming Out hatte sie sich in den Augen der filmschaffenden Industrie für ernste Rollen im heterosexuell geprägten Fernsehen und Kino disqualifiziert. In den schillernsten Farben konnte sie sich ausmalen, wie Medien und Öffentlichkeit auf ihre neue Rolle reagieren würden. Sie erzählt, dass ein Journalist eines Berliner Stadtmagazins es auf den Punkt brachte, indem er folgende Boulevard-Schlagzeile formulierte: "Kampflesbe schlägt kleinen Jungen". Dass es bei dem Film um anderes als einen voyeuristisch angelegten SM-Streifen geht, dürften alle wissen, die entweder die Arbeit der Regisseurin kennen oder um das politische Bewusstsein von Maren Kroymann wissen. Was sie dazu bewogen hat, die Rolle anzunehmen und wie sie den Film einschätzt, erzählt Maren Kroymann in einem Interview mit Dagmar Trüpschuch.


Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Angelina?

Auf Anraten meiner Agentur war ich auf einem Empfang von einer Produktionsfirma. Ich hasse diese Empfänge. Da bretzelt man sich auf, überwindet sich, geht alleine hin und kennt keinen. Dann sah ich Angelina, die ich flüchtig über Freunde kannte. Sie stand mit einer anderen Frau zusammen. Ich habe mich dazu gestellt und wir haben kurz ein bisschen abgelästert. Später erzählte mir Angelina, dass sie genau in dem Moment, als ich sie traf, mit der anderen Frau, die übrigens die Produzentin Ulrike Zimmermann war, darüber geredet hat, wie die Schauspielerin sein muss, die die Hauptrolle in ihrem neuen Film spielen soll. Und als ich wieder weg war, sagte Angelina: Genau so wie Maren Kroymann muss sie sein. Und die Produzentin antwortete, dann fragen wir sie doch mal.

Wie hast du auf das Drehbuch reagiert?

Ich fand, dass es ein großartiger Stoff und eine wunderbare Rolle war. Das Buch war schon so angelegt, dass das Thema nicht ins voyeuristische geht.

Was ist für dich der Hauptaspekt des Films?

Es geht zwar um SM, aber das steht nicht im Vordergrund. Es geht nicht um eine Leder-Latex-Romantik mit Ketten und Stiefeln. Das sind ja Bilder, die man über SM im Kopf hat, die sich verselbstständigt haben. Es geht eben nicht um den Prozess des Schlagens und dass das süffig ausgekostet wird. Es geht um den Entwicklungsprozess dieser Frau von der totalen Ablehnung "damit habe ich überhaupt nichts zu tun" bis dahin, dass sie merkt, dass sie doch was damit zu tun hat. Dieser psychische Vorgang stand im Mittelpunkt, und das hat mir wahnsinnig gut gefallen.

Findest du die Titulierung SM-Film, die die Medien gebrauchen, zutreffend?

Das ist zweischneidig. Natürlich deutet der Titel einen Tabubruch an. Das heißt, das Thema findet Interesse. Dieser Teil ist gut. Aber dann muss man sofort dazu sagen, dass es nicht das ist, was es zu sein scheint. Es geht genau nicht um das Klischee, das alle sofort vor Augen haben. Sondern es handelt sich um einen völlig spröden und hoch diszipliniert gefilmten und eigentlich ja reduzierten Film, der Ansprüche stellt an die, die zugucken. Man erzählt den Film nicht, wenn man sagt, es gehe um eine SM-Geschichte.

Was geht im Kopf von Elsa Seifert vor, wenn sie bei der Arbeit ein Lineal findet und es abwägend in den Händen hält? Beim nächsten Date wird sie ihren jungen Partner damit züchtigen.

Ja, da hat sie schon Blut geleckt. Das Lustige an der Stelle ist, dass im Kino gelacht wird. Das finde ich gut, weil das Publikum ja schon weiter ist als Elsa Seifert. Das Publikum weiß, es geht darum, dass sie eine Sado-Maso-Beziehung mit dem Jungen eingehen wird, aber sie selber weiß es in dem Moment noch nicht. Und sie guckt dieses Lineal an, und das Publikum weiß ganz genau was sie vorhat. Daraus ergibt sich ein Komikgefälle, und das ist einfach total lustig.

Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?

Also ich hatte kein Abo im Sado-Maso- oder Swinger Club. Ich habe mich in die Thematik eingelesen und mich mit Leuten unterhalten, von denen ich wusste, dass ich mit ihnen gut darüber reden kann. Aber im Wesentlichen habe ich mich total radikal in diese Frau reingedacht. Sie ist Anfang 50 und die Tochter zieht aus. Was passiert mit ihr? Eigentlich wirkt sie ganz zufrieden, hat einen ziemlich netten Mann, sie haben ein Haus und sie hat ihre Arbeit, die sie gut macht. Sie ist keine frustrierte Person, die ein schlechtes Leben hat und ausbrechen möchte. Und trotzdem spürt sie eine innere Leere. Mich da genau einzufühlen, ist meine Arbeit gewesen.

Konntest du auf Erfahrungen zurückgreifen, die du beim Coming Out gemacht hast?

Diese Frau macht etwas, was absolut verpönt ist und was niemand in ihrer Umgebung versteht. Etwas, was alle Scheiße finden und was auch objektiv Scheiße ist, denn der Junge ist ihr Schutzbefohlener. Das darf sie nicht machen. Der ist zu jung. Alles spricht dagegen und sie macht es trotzdem. Sich durchzuringen etwas zu tun, was nicht gebilligt wird und die ganzen Widerstände fallen zu lassen ist ein Weg zu sich selber. Auch gerade dann, wenn man nicht weiß, wo es einen hinführen wird. Diese Wahrhaftigkeit zuzulassen ist vielleicht grob vergleichbar mit der Situation beim Coming Out. Es ist mir jedenfalls nicht unvertraut, etwas zu machen wo ich noch nicht weiß, wie es mein Leben verändern wird.

Ihr hattet sehr wenig Drehzeit.

Ja, 15 Drehtage. Das ist sehr wenig. Es gab für den Film wenig Fördermittel. Wir haben auf Rückstellung gearbeitet, das heißt wir haben auf Gage verzichtet und falls Geld eingespielt wird, bekommen wir ein bisschen was raus. Wir mussten uns also beeilen, denn Leute können nicht lange Zeit ohne Geld arbeiten. Wir konnten das nur schaffen, indem wir uns wahnsinnig gut vorbereitet haben. Kostja Ullmann, der den Jungen spielt, und ich sind im Vorfeld sechs Wochenenden nach Berlin geflogen und haben geprobt. Die Woche über steckten wir in anderen Dreharbeiten. An den Wochenenden haben wir uns die Figuren erarbeitet und uns aufeinander eingestellt. Angelina hatte sehr konkrete Vorstellungen davon, wie der Film aussehen soll. Das war sehr hilfreich und die Arbeit war sehr konzentriert, ganz wunderbar. Ich musste lernen zu schlagen, damit ich dem Kostja nicht mehr weh tat als es unbedingt sein musste. Alles was zu lernen war, haben wir vorgezogen. Das war eine hervorragende organisatorische Leistung des Teams. Vor allem Angelina war unheimlich strukturiert. Das ist sie ja sowieso. Sie ist einfach eine sehr kluge, bedachte und voraus denkende Frau.

Wie stellt man so eine Nähe zu einem Schauspielerkollegen her, wie du sie zu Kostja Ullmann hast?

Bei uns war das wirklich über das Einsteigen in die Rolle möglich. Wir waren extrem konzentriert bei der Arbeit und haben sonst nicht viel miteinander gemacht. Das war der direkteste Weg und es funktionierte auch gleich. Wir waren beide füreinander offen.

Begegnet man sich nach so einem Dreh, in dem sich beide so "nackt" gezeigt haben, auch privat anders?

Ich bin ja seelisch nackt und er ist auch noch physisch nackt. Wir haben uns großes Vertrauen entgegen gebracht. Wir haben vielleicht so eine Art von Solidarität entwickelt, weil wir gemeinsam diese intimen Szenen durchgestanden haben. Diese Erfahrung wird uns immer bleiben. Das ist schon eine Verbindung.

Wie war es für dich, dich selber in der Rolle von Elsa Seifert auf der Leinwand zu sehen?

Ich gucke nicht gerne auf das, was ich gemacht habe. Ich muss mich immer ein bisschen überwinden, auch bei anderen Filmen. Und hier, so ungeschminkt Da dachte ich auch - Hoppla, werden die mich jetzt wohl noch mal für so eine nette Mutterrolle im Fernsehen besetzen? Natürlich sehe ich, dass ich älter und härter aussehe als normal. Der Film hat ja durch das Schwarz-Weiß und die grobe Körnung fast eine dokumentarische Ästhetik, sehr ungefällig. Da ist nichts beschönigt oder weich gezeichnet. Ich habe es aber genossen mich so zu sehen. Ich bin ja nicht von Beruf Jugendlichkeitsdarstellerin sondern Schauspielerin. Es geht darum Charaktere darzustellen und nicht um zur Schau gestellte Attraktivität. Der Junge findet diese Frau attraktiv, weil sie so alt aussieht wie sie ist und nicht obwohl sie so aussieht. Das finde ich total faszinierend an dem Film. Toll ist auch, dass man nicht nur eine ältere Frau sieht sondern eine erotisch begehrte und begehrende ältere Frau. In Bezug auf das erotische Verlangen sagt diese Frau durchaus auch ICH, und das wird gezeigt.

Die Aussage "Ich bin viele" beschreibt das Spiel mit wechselnden Identitäten. Das trifft ja auch auf dich zu: Denn du bist Kabarettistin, hast ein eigenes Bühnenprogramm, bist TV-und Filmschauspielerin und kämpfst so nebenbei auch noch für Frauen- und Lesbenbelange. Wie kriegst du das alles unter einen Hut?

Das sind alles Teile von mir. Ich finde das sehr organisch. Es geht nicht alles gleichzeitig, aber vieles überschneidet sich. Ich bin ein politisch denkender Mensch, ich bin Feministin und fast so was wie eine lesbische Aktivistin. Ich bin sozusagen ideologiekritisch und feministisch bei allem was ich tue. Ob ich Kabarett mache, singe oder jetzt einen Kinofilm spiele. Ich finde, dass ich in meiner Person alles gut vereinbaren kann. Schwer ist es, Leute zu finden, die das begreifen und noch schwerer solche zu finden, die Lust haben, das auch zu vermitteln. Für die meisten ist es einfacher, eine Person zu vermarkten mit nur einer Facette. Dieser Film ist z.B. sehr intensiv in den Feuilletons besprochen worden. Und die Rolle wird fast wie ein Imagewechsel für mich gesehen. Dass ich nicht nur durch das definiert bin, was ich in letzter Zeit so gespielt habe, ist gar nicht im Blickfeld gewesen. Die einzelnen Bereiche, in denen ich arbeite, umschließen mich ja jeweils nicht vollständig. Comedy umfasst ja nicht alles was ich tue und denke.

Deine letzte politische Aktion war der Protest gegen das Fehlen der Lesben bei dem Berliner Homo-Denkmal, das an die homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus mahnen soll. Bist du mit dem neuen Entwurf, diverse Videos von homosexuellen sich küssenden Paaren zu zeigen, zufrieden?

Auf alle Fälle ist er besser als vorher. Es ist wenigstens im Ansatz mitgedacht, dass auch Frauen auftauchen können. Ich hätte es gut gefunden, wenn es eine Realisierung gegeben hätte, wo es einen höheren Grad an Abstraktion gibt, dass die Künstler einen Entwurf gefunden hätten, der die unterschiedliche Art der Unterdrückung einschließt. Lesben und Schwulen ist ja Unterschiedliches widerfahren. Die Schwulen sind ermordet worden. Sie haben physische Repressionen erlitten. Einige Frauen haben das auch erlebt. Aber der Kern der Unterdrückung der Frauen ist ein anderer. Nämlich, dass sie totgeschwiegen wurden. Dass gesagt wurde, wenn ihr euch zurückhaltet, dann überlebt ihr. Die Frauen waren sozusagen nicht wichtig genug, als dass der Paragraf 175 für auf sie angewendet wurde. Sie haben überlebt um den Preis des kompletten Auslöschens ihrer sexuellen Orientierung, des Totschweigens, des Nichtvorhandenseins. Ich traure um die schwulen Männer. Ich möchte auch, dass man sich an sie erinnert. Aber das heißt nicht, dass ich nicht möchte, dass man nicht auch an die Unterdrückung der Lesben erinnert zumal die generell stark verinnerlichte Selbstauslöschung bis heute nachwirkt.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Schön wäre es, wenn dieser Film bewirkt, dass Produzenten, die bislang nicht die Phantasie hatten, mich in bestimmten Rollen zu besetzen, merken, dass ich genau diese Rolle spielen könnte. Es wäre eine Bereicherung für mein künstlerisches Leben, ernste und dramatische Rollen mit Tiefgang, Zartheit und Intensität zu spielen. Es macht mir Spaß das Vorhandensein von Nichteindeutigkeit darzustellen. Mein Traum ist es, dass ich nicht nur entweder das eine oder das andere spielen darf damit meine ich, dass sich die komischen und die ernsten Rollen irgendwann nicht mehr ausschließen.

 

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